64 Zweigvereine Die Aufarbeitung von Fällen sexueller Gewalt in der Jugendarbeit sei noch längst nicht abgeschlossen. Es gebe noch viele Opfer, die auf ihr Recht warten. Das war das Fazit von Dr. Susanne Rappe-Weber bei einer Vortragsveranstaltung des Geschichtsvereins Witzenhausen am 22. März 2022 im Haus Hildegard. Die Referentin, Vorstandsmitglied des Vereins, ist seit 2002 Leiterin des Archivs der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein. Im 100. Jahr des Bestehens des Archivs dürfe es nicht nur darum gehen, die „schönen Seiten“ zu betrachten, sondern man müsse sich auch den Schattenseiten stellen. Das Archiv unterstützt die Nachforschungen zu Fällen von sexuellen Übergriffen auf Jugendliche, wie Rappe- Weber erläuterte. Die Vorgänge um die Odenwaldschule gaben 2010 den Anstoß, das Thema sexueller Gewalt auch für den Bereich der Jugendbünde zu untersuchen. An der Schule hatte sich in den 70er und 80er Jahren ein System von Personen und Abhängigkeiten etabliert. Auf öffentlichen Druck wurde die Schule 2015 geschlossen. Lesenswertes in Auswahl Die Schatten der Jugendbewegung mit Rainer Maria Rilke. Mehrere positive Rückmeldungen durch die Zuhörer (30) erfolgten. Im Oktober 2021 hatten wir Frau Piro-Klein zu Gast, die über Frauenrechte in Deutschland sehr anschaulich und engagiert berichtete. Auch im November 2021 konnten wir ein Angebot machen mit dem Vorsitzenden des Hauptvereins Dr. Dirk Richhardt, der über die Teilung Hessens im 16. Jahrhundert besonders abwechslungsreich referierte. Die geplanten Veranstaltungen im Januar und Februar 2022 fielen den hohen Infektionszahlen der Corona-Pandemie zum Opfer. Im März 2022 referierte die Archivleiterin der Burg Ludwigstein, Beisitzerin im Geschichtsverein, über sexuelle Gewalt in der Jugendbewegung. Auch hier gab es danach eine sehr engagierte Diskussion. Im April fand dann die Jahresversammlung des Vereins ohne Wahlen statt. (In 2021 hatte es keine Jahreshauptversammlung wegen der Pandemie gegeben.) Am gleichen Tag hielt der Leiter des Stadtarchivs Witzenhausen, Matthias Roeper, einen Vortrag über das Thema „Braune Lebenswelten 2.0 – Witzenhausen Krieg“. Mit der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs und dem damit einhergehenden Holocaust war das NS-Regime endlich da, worauf es die ersten sechs Jahre seiner Existenz hingearbeitet hatte: Die Eroberung von „Lebensraum“ im Osten und die Vernichtung der sog. „Jüdischen Rasse“ in Europa. Dieser Krieg, der unseren Kontinent nicht nur durch Tod und Vertreibung radikal veränderte, blieb für die Stadt Witzenhausen und ihr Umland bis kurz vor seinem Ende unmittelbar ohne größere Folgen. Dennoch bestimmte er in allen seinen Facetten das Leben an Werra und Gelster – und das nicht nur durch die vielen zu beklagenden Opfer auf den Schlachtfeldern, sondern auch durch die gravierenden Veränderungen des Alltags und die sich immer radikaler gebärdende nationalsozialistische Diktatur. Der Vortrag warf einen Blick sowohl auf den Kriegsalltag als auch auf die Mechanismen der Parteiherrschaft, die Witzenhausen bis zum Einmarsch der Amerikaner fest im Blick hatte.